„Zur Freiheit berufen“
(2015)

 
Liebe Schwestern und Brüder,

Der Apostel Paulus schreibt an die Christen in Galatien: Zur Freiheit hat uns Christus befreit" (Gal 5,1). Dieser Satz lässt uns aufhorchen. Paulus verwendet ein Wort, das mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen verbunden ist. Was auch ein jeder dabei denken mag, das wort "Freiheit" hat eine besondere Dynamik der Hoffnung. Denn der mensch ist seit Urzeiten Bedrängnissen ausgesetzt, deren er sich erwehren muss. und Zwängen, aus denen er herauskommen will.

Tief eingegraben ist in das kollektive Gedächtnis des Volkes Israel die Erinnerung an die Befreiung aus Ägypten. Der Gott Abrahams zeigte sich dem Mose als der Gott, der die Klage der Unterdrückten hört. Der Gott, der seinen Namen mit "Der-ich-bin-da" offenbarte, macht seine Gegenwart erfahrbar, indem er das Volk aus der Knechtschaft herausführt.

Immer wieder hat Israel die Erfahrung gemacht, dass Gott sein Volk befreit. Herausragend war eine Befreiung eigener Art. Nach der Zerstörung Jerusalems 589 v. Chr. durch die Babylonier und nach der sog. Babylonischen Gefangenschaft erhält Israel von den Persern 538 die Freiheit zum Wiederaufbau von Jerusalem. So kann Israel in den Psalmen singen: "Du hast uns in die Freiheit hinausgeführt."

Das Buch Jesaja hält die Hoffnung auf Befreiung wach, als es erneut zu Unrecht und Unterdrückung kommt. Jesus nimmt die Verheißung des Jesaja auf. In der Synagoge von Nazareth liest er vor: "Der Herr hat mich gesandt, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe." Dann fügt er hinzu: "Heute hat sich das Schriftwort erfüllt."

Die Herrschaft Gottes, die Jesus verkündet, bedeutet Freiheit in einem ganz bestimmten sinn. Darüber nachzudenken lohnt sich. Denn so viele reden in Politik und Gesellschaft von freiheit, doch was sie konkret meinen, führt in neue Zwänge und ungerechte Abhängigkeiten. Wir Christen können nicht naiv von Freiheit sprechen.

Dabei  sollte uns bewusst sein, dass es in der Geschichte der Kirche immer wieder dazu kam, dass Christen sich zu Unrecht und Unterdrückung verleiten ließen. Die traurige Erinnerung daran muss uns zu Demut und Klugheit führen.

Wer pilgert und sich in dieser besonderen Weise Jesus zuwendet, öffnet sich für die Erfahrung des pilgernden Volkes Gottes. Das Wort Freiheit kann für die Pilgerin und den Pilger iene neue Bedeutung gewinnen.

 

Es grüßt aus Matheis Euch, Pilgerinnen und Pilger, und Sie alle, die diese Seiten besuchen,


Bruder Athanasius