Aus der Geschichte

 

Die Schäden des 30jährigen Krieges waren kaum vergessen, da forderte die Pest ihre Opfer. Sie war auch früher schon aufgetreten, 1575 war ihr der Pastor von Windhagen mit seinem ganz Hause erlegen und mit ihm wohl viele Einwohner. 1664 wurde das Buchholzer Land heimgesucht, innerhalb von fünf Tagen starben 15 Erwachsene aus Jungeroth-Büllesbach (18 Höfe). 1666 brachte Naliß von Thelenberg sie Ende September von der Traubenlese am Rhein mit nach Hause. Neustadt wurde „schleunig und ganz“ heimgesucht, Windhagen „fast überall“, so berichtet ein Zeitgenosse. In Asbach gab es häufig 3, 4, 5 und 7 Tote an einem Tage, dabei sind längst nicht alle Opfer der Pest eingetragen, es waren ihrer zu viele. Die Folgen waren verheerend. Familien wurden auseinandergerissen, Kinder wuchsen in fremden Häusern auf, Hofstätten standen leer, in Elsaff allein 5, darunter der Hillenhof, der zur Asbacher Vikarie gehörte und in der Folge nicht mehr besiedelt wurde. Junge Eheleute konnten ohne weiteres einen verlassenen Hof unter den Pflug nehmen, bis nach 1730 sind Auseinandersetzungen um solche entfremdeten Höfe nachzuweisen. So steckt auch in der Neustädter mündlichen Überlieferung vom Ammericher Pestkreuz ein wahrer Kern: Strauscheid (5 Höfe) sei bis auf eine Frau ganz ausgestorben, die Fuhrleute, welche die Leichen von Weissenfels (4 Höfe); Rahms (6 Höfe) und Ammerich (3 Höfe) nach Neustadt fuhren, hätten am Ammericher Kreuz vom Wagen gefallene Leichen bis zum nächsten Tag niedergelegt, „da sie dann ja doch wieder fahren müssten“.

Dieser großen Pestzeit folgten noch zwei kleinere. Im Juli und August 1709 wurde der Vettelschosser Bezirk heimgesucht, vom Februar bis in den Mai 1716 das gesamte Land, in Asbach forderte die Seuche mindestens 35 Tote. Das Volk stand ihr hilflos gegenüber. Es wird überliefert, dass man sich gegeneinander absonderte und vom Nachbarn fernhielt, auf dem Herd wurden Wachholder und aromatische Kräuter als Schutz vor Ansteckung verbrannt, aber Rettung konnte nur vom Himmel kommen. Von Linz und Erpel zogen jährlich Prozessionen nach Trier zum Grab des Hl. Apostels Matthias. Ihnen schlossen sich Nachbarschaften aus dem Amt Altenwied an, opferten eine Kerze am Apostelgrab und flehten um Bewahrung vor kommendem Unheil. Diesen vorerst privaten Bittgängen, die wohl aus dem Vettelschosser und Windhagener Bezirk kamen, schrieb man das Erlöschen der Seuche zu. In Vettelschoss hielt das „Pestmännchen“ die Erinnerung an diese Zeit wach, auf dem Dachreiter der alten Kapelle stand als Wetterfahne eine Eisenscheibe mit den Umrissen einer menschlichen Gestalt, das „Pestmännchen“ genannt.

Die Teilnahme an der Trierer Prozession wurde zur Gewohnheit, bald kam der Gedanke auf, eine eigene Prozession nach Trier zu halten. Die Anregung kam wohl von den Schöffen Kurtenbach aus Vettelschoss und Kirschbaum, Heuser und Hallerbach von Windhagen. 1722 zog zum erstenmal eine Prozession nach Trier aus der Kirche in Windhagen aus, die übrigen Schöffen des Amtes stimmten freudig bei, durch ein feierliches Versprechen verpflichteten sie sich zu einer jährlichen Prozession zum Grab des Hl. Matthias aus dem gesamten Amt Altenwied und errichteten eine Bruderschaft zu Ehren des Hl. Apostels Matthias. In den ersten Jahren zog man aus der Kirche in Windhagen aus, bald aber verteilte man die Organisation auf das gesamte Amt, wählte an zwei aufeinanderfolgenden Jahren den Brudermeister aus der Pfarrei Asbach, in den beiden nächsten Jahren aus den Pfarreien Neustadt und Windhagen und zog aus der Pfarrkirche des jeweiligen Brudermeisters aus. Er wurde am St. Matthiastage gewählt, ging in diesem Jahr als Bruderknecht mit der Prozession, lernte den Weg und Gebetsordnung kennen und führte im folgenden Jahr die Prozession als amtierender Brudermeister. Bald schon wurde eine Fahne beschafft, während des Jahres wurde sie in der Pfarrkirche des Brudermeisters aufbewahrt, sie hatte den Vorrang, bei Pfarrprozessionen an erster Stelle mitgetragen zu werden, ebenso ging der Brudermeister als erster Vorbeter in der Prozession.

Innerhalb der Pfarreien des Amtes stand die St. Matthias Bruderschaft völlig selbständig da. Jede Pfarrei hatte seit alter Zeit ihre eigene kirchlich anerkannte Bruderschaft, mit ihr war die Vikarstelle (Frühmessserei) verbunden, sie diente der religiösen Unterweisung (Schulvikarie) und der karitativen Hilfe. Die Überschüsse der Bruderschaften, die mit Länderein und Kapitalien bestiftet waren, wurden als Darlehen an bedürftige Nachbarn zu 4% Zins ausgeliehen. Dieser Übung schloss sich auch die St. Matthias Bruderschaft an. Auch sie verlieh ihre Überschüsse weiter. Die Pfarrer wurden zu den Rechnungslagen zugezogen, ihre Autorität sicherte die geordnete Durchführung.

Die Unkosten der Bruderschaft wurden von Anfang an durch eine freiwillige Hauskollekte gedeckt, als „Trierer Kerzenopfer“ ist sie bis heute üblich. Mit einer kleinen Geldspende empfehlen sich die Familien in den Schutz des Hl. Matthias und in das Gebet der Trierer Pilger. Die Höhe des Opfers entwickelte sich zu einer festen Form, man gab 2 Pfennig, 10 Pfennig und von Begüterten erwartete man ein „Kastenmännchen“ (50 Pfennig). Davon wurde am Apostelgrab in Trier eine 10-pfündige Kerze geopfert. In der St. Matthiasbasilika fand ein feierliches Amt statt, ebenso am St. Matthiastag in der Pfarrkirche. Der Bruderknecht erhielt bei der Wallfahrt einen Taler, der Brudermeister drei, der Fahnenträger vier, auch die Bruderkarre, die das Gepäck der Pilger mitführte, musste entlohnt werden. Bei der Abrechnung blieb meist ein kleiner Überschuss, der dann ausgeliehen wurde. Das Trierer Kerzenopfer kam nicht nur aus dem Amt Altenwied zusammen, bis zum ersten Weltkrieg wurde es auch in Ohlenberg, Kasbach, Ockenfels, Dattenberg, Ariendorf und Leubsdorf eingesammelt und der Altenwieder Bruderschaft übergeben. In diesem Bezirk war bis zum Ersten Weltkrieg auch die Teilnahme an der Altenwieder Prozession üblich. Auch in den Pfarreien Waldbreitbach und besonders Kurtscheid hatte die Prozession ihren Freundeskreis.

Die Wallfahrt nach Trier war der jährliche Höhepunkt der Altenwieder Bruderschaft. Bis zum Jahre 1916 ging sie als Fußprozession. Am Samstag nach Christi Himmelfahrt zog man aus der Pfarrkirche des amtierenden Brudermeisters aus, übernachtete in Mayen, blieb am zweiten Abend in Lutzerath, am dritten Abend in Schweich und erreichte am Dienstag gegen 10.00 Uhr Trier. Einen Tag weilte man am Grab des Hl. Matthias, war am Mittwochabend in Klausen, übernachtete am Donnerstag in Strassenhaus, am Freitag in Leutesdorf und war am Vorabend von Pfingsten wieder daheim. Eine breit angelegte Gebetsordnung schloss alle Bereiche kirchlichen und menschlichen Lebens in ihre Abbitte und Fürbitte ein. Bei der Wallfahrt am 5. Juni 1826 führte man das namentliche Gedenken der in den letzten 12 Jahren verstorbenen Pilger ein. Ihre Namen wurden nach dem Todesjahr verlesen. Auch die Daheimgebliebenen waren in die Gebetsgemeinschaft der Trierer Pilger eingeschlossen und manche Familie sicherte sich das besondere Gedenken durch eine Stiftung an die Bruderschaft. Die Trierer Wallfahrt erfreute sich großer Beliebtheit, und es werden nicht viele Einwohner des Amtes gewesen sein, die nicht wenigstens einmal im Leben die „Brüder- und Schwesternwallfahrt“ mitgemacht haben. Vielen wurde sie zur lieben Gewohnheit, 25-jährige Jubiläen waren nicht selten.

Kamen schwierige Zeiten über die Heimat, wurde auch die St. Matthias Bruderschaft betroffen. Im Zuge der Aufklärung wurden alle Wallfahrten 1784 verboten. Die Bruderschaft wählte weiter ihren Brudermeister und verwaltete ihr kleines Vermögen, Wallfahrten scheinen von 1783 bis 1786 nicht gewesen zu sein. Ebenso unterblieb die Wallfahrt 1796 bis 1798, die Heimat war Kriegsschauplatz. Aber auch in dieser Zeit legte man Wert darauf, dass wenigstens ein paar Mann nach Trier pilgerten und die St. Matthias Kerze opferten. 1787 wurde die Kaplanei Buchholz errichtet, dabei musste auch die Schulfrage in Buchholz geklärt werden. Die Zinsen des Bruderschaftsfonds wurden dem Schulfond zugewiesen. Die Bruderschaft hatte ein Vermögen von 240 Talern, 63 Albus, 3 Heller, es stammte aus den Überschüssen der jährlichen Opfer. Es wurde 1840 endgültig dem Schulfond überwiesen. Seit dieser Zeit bildet die St. Matthias-Bruderschaft keinen eigenen Fond mehr, Überschüsse werden am Grab des Hl. Matthias niedergelegt oder den Pfarreien zur freien Verfügung übergeben.

Das von der St. Matthias Bruderschaft gepflegte religiöse Brauchtum kann für die beiden vorigen Jahrhunderte nicht leicht zu hoch eingeschätzt werden. Da war ihre Gründung aus der Not der Pestzeit, sie war die amtliche Wallfahrt des gesamten Amtes Altenwied, der sich auch die Nachbargemeinden freudig anschlossen. Die Brudermeister waren in den allermeisten Fällen die Schöffen des Amtes, sie fühlten sich auch hier als Beauftragte und Sachverwalter ihrer Pfarreien und Gemeinden. Nach der Auflösung des kurkölnischen Amtes Altenwied 1803 führten die vier Pfarreien die Bruderschaft und die Wallfahrt in gewohnter Weise weiter. Die politische Ordnung hatte sich verschoben, die Gemeinsamkeit der Trierer Wallfahrt war geblieben. Auch die nach 1820 stärker betonten Diözeseangrenzen (Neustadt gehört mit Vettelschoss und St. Katharinen zur Trierer Diözese, Asbach, Buchholz und Windhagen gehören zur Kölner Erzdiözese) mit ihren verschieden laufenden Entwicklungen hatten darauf keinen Einfluss. Auf den vier Brudermeisterstäben, die 1843 neu beschafft wurden, steht neben dem Bild des Hl. Matthias die Inschrift: Amt Altenwied 1843. Damals war das Amt schon 40 Jahre aufgelöst.

Die Bruderschaft rüstet nun zur 250. Wallfahrt. Ihre Form hat sich gewandelt, der beschwerliche Fußweg ist durch eine bequeme Busfahrt ersetzt, die Wallfahrtszeit auf zwei Tage verkürzt (Samstag-Sonntag nach Christi Himmelfahrt). Geblieben ist das religiöse Erlebnis, das Gebet am Apostelgrab, die stimmungsvolle Lichterprozession auf dem Friedhof neben der Basilika. Geblieben sind auch die persönlichen Anliegen der Pilger, die vom Grab des Hl. Matthias neuen Glaubensmut mit nach Hause nehmen. Geblieben ist ihr die Treue der vier Pfarreien des Amtes Altenwied, die von äußeren Zeitläufen unbeirrt, Bruderschaft und Wallfahrt weitergepflegt haben. An uns liegt es, sie mit neuem Leben zu erfüllen.

Mittlerweile finden zwei Fußwallfahrten und eine Buswallfahrt statt.

J. Schäfer, Asbach